Reihenhausgarten

Reihenhaus mit Garten

Unser Garten lebt, heißt es. Nicht nur unser Garten. Die Gärten der gesamten Reihenhaussiedlung leben. Es leben vor allem Vögel darin, auch Katzen, Hunde, ein Igel, Fische, Schnecken, Regenwürmer, Ameisen und anderes Getier. Nicht vergessen aber sollte man den Menschen. Akustisch ist es der Mensch, der am stärksten präsent ist in unseren Gärten.

In den warmen Monaten lockt uns oft die Sonne in den Garten. Lesen auf der Gartenliege, ein Traum! Oder mit Gästen auf der Terrasse sitzen bei Kaffee und Kuchen oder einem Gläschen Sekt. Wunderbar! Doch regelmäßig bricht plötzlich ein fürchterlicher Lärm an. Nebenan wird der schmale Reihenhausgarten mit dem Dieselrasenmäher gekürzt. Lange dauert das zum Glück nie. Doch schon beginnt der Nachbar von gegenüber seine Hecke zu schneiden. Das dauert schon entschieden länger. Hinzu gesellt sich das ohrenbetäubende Gedröhne eines Hochdruckreinigers. Die Nachbarin vom Anfang der Häuserreihe hat sich just für heute die Tiefenreinigung ihrer Terrasse vorgenommen. Der Lärm der Gartenarbeiten reißt den ganzen Tag nicht ab. Ist der eine Rasen endlich kurz, die eine Hecke endlich gestutzt, beginnt dieselbe Arbeit im nächsten Garten. Ich wünschte, die Nachbarschaft würde sich absprechen und ein Zeitfenster festlegen für lärmende Gartenarbeiten. Doch dieser Wunsch ist Illusion. Wer will schon seine persönliche Freiheit aufgeben. Der eigene Garten ist doch geradezu der Inbegriff persönlicher Freiheit.

Heute ist Sonntag. Der Garten ist endlich eine Oase der Stille. Wir stehen früher auf als die Nachbarschaft und setzen uns schon zum Frühstücken hinaus. Eine Amsel tippelt über unseren kurzgeschorenen englischen Rasen. Sie hat schon eine ganze Ladung Regenwürmer im Schnabel. Da entdeckt sie noch ein neues dickes Exemplar. Sie legt den Würmervorrat am Boden ab, packt den neuen Wurm und lädt sich den abgelegten Würmerberg noch dazu. Dann hebt sie ab in die Luft, fliegt flach über unsere frisch gestutzte Kirschlorbeerhecke hinweg zu ihrem Nest im Apfelbaum des Nachbargartens. Wir kennen schon ihre Strecke. Wie still es doch in den Gärten sein kann. Nur das leise Piepsen der Amsel ist zu hören.

Nach und nach erwachen die Menschen um uns herum und begeben sich wie wir in ihre Gärten. Man spricht rücksichtsvoll leise. Aber schon eine Stunde später füllt sich die Terrasse des übernächsten Hauses mit Gästen. Offensichtlich hat der Nachbar zu einem Brunch eingeladen. Er hat Geburtstag heute. Aus ist es mit der Stille. Ich muss an das Rilkegedicht denken, in dem es heißt: „Wenn es doch nur einmal so ganz stille wäre. Wenn das Zufällige und Ungefähre verstummte und das nachbarliche Lachen.“ Ja, das Lachen! Das stört am allermeisten. Die individuell unterschiedlichsten schrillen Lacher oder sonoren Dröhner stechen regelmäßig aus der Geräuschkulisse der Party heraus. Und immer wieder schwillt der Geräuschpegel insgesamt an und entlädt sich lautstark in einer schmetternden Lachsalve.

Es schellt an unserer Haustür. Wer mag das sein? Der Nachbar steht vor der Tür, der vom übernächsten Haus, der heute Geburtstag hat. Er fragt, ob wir nicht zu seiner Feier dazustoßen möchten. Ja sehr gerne. Wir freuen uns über die spontane Einladung. Schnell machen wir uns ein wenig zurecht, schnappen uns eine Flasche Sekt als Mitbringsel und begeben uns zwei Häuser weiter. Die fröhliche Gesellschaft nimmt uns freundlich auf. Scherze fliegen hin und her und schon lachen wir lauthals mit.

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