Frühstück am Panoramafenster direkt gegenüber der Nikolaikirche von Leipzig, der Kirche, von der 1989 die Friedliche Revolution ausging. Das Buffet ist nicht sehr üppig. Besonders die Brötchen wirken aufgebacken. Aber erwähnenswert sind die zahlreich vorhandenen Schnittlauchtöpfchen, von denen der Frühstücksservice freundlicherweise Portionen für die Gäste zuschneidet. So muss ich nicht auf meine gewohnte Frühstücksvorliebe eines Brötchens mit Quark, Chilipulver und Schnittlauchröllchen verzichten. Das Chilipulver bringe ich selbst mit.

Heute Vormittag steht das Völkerschlachtdenkmal auf dem Plan. Die einzige Sehenswürdigkeit, an die Johannes sich noch erinnert von seiner damaligen Reise in die DDR mit seinem Freund Robert Berghausen. Die Tramlinie 15 führt vom Augustusplatz dorthin. Allerdings ist ausgerechnet derzeit die Linie durch eine Baustelle gestört. Bei der Durchsage über die Weiterfahrt mit Ersatzbussen wird leider das Völkerschlachtdenkmal nicht erwähnt, so dass wir eine Station zu früh aussteigen und noch 20 Minuten bis zu dem Monument laufen müssen. Aus der Ferne wirkt es wie eine pyramidenförmige Festung. Aus ganz weiter Ferne hatten wir es gestern schon aus der 29. Etage des Uniriesen erblickt. Da wirkte es wie ein Berg in der flachen Landschaft.
Es ist klirrend kalt und das sog. „Spiegelbecken“ vor dem Denkmal, auch „Becken der Tränen“ genannt, ist fast vollständig zugefroren. Der Himmel ist zauberhaft blau und das monumentale Bauwerk hebt sich dunkel und gigantisch davor ab. Ein großartiges durch den spiegelnden See noch verdoppeltes Fotomotiv!

Der Eintritt ins Innere des Denkmals soll 20 Euro pro Person kosten, was auch noch als Wintersonderpreis angepriesen wird. Wir verzichten, obwohl man von der oberen Plattform aus einen spektakulären Rundblick über Leipzig haben soll. Aber den haben wir ja gestern schon genossen. Statt dessen wandern wir einmal ganz um das imposante Bauwerk herum und bewundern die 12 m hohe Statue des Erzengels Michael und die 12 riesigen Kriegerstatuen. Der über eine erhöhte Böschung verlaufende von Alleebäumen gesäumte Rundweg eröffnet immer wieder neue Sichtachsen auf das Denkmal. Und auch die Allee selbst, insbesondere, wo man über den Spiegelsee hinweg auf die Gegenseite schaut, bietet mit seinen filigranen dunklen Bäumen vor hellem Hintergrund eine eindrucksvolle Winterkulisse.

Das Denkmal erinnert an die Völkerschlacht bei Leipzig von 1813, die die größte Feldschlacht der Weltgeschichte vor dem Ersten Weltkrieg darstellte. Es siegten in dieser Schlacht die verbündeten Armeen von Russland, Preußen, Österreich und Schweden über die Truppen Napoleons, womit das Ende der französischen Vorherrschaft in Europa eingeleitet wurde. Die heroische Architektur des 1913 zum 100. Jahrestag der Schlacht eingeweihten Denkmals diente der Demonstration nationaler Stärke des Deutschen Kaiserreiches.
Ziemlich durchgefroren erreichen wir wieder die Bahnlinie. Auch für den Rückweg in die Innenstadt lassen sich Hinweise auf einen Ersatzverkehr vermissen. Wir sprechen eine Passantin an, die sich herzlich bei uns entschuldigt für die Touristenunfreundlichkeit ihrer Stadt. Sie zeigt uns die Haltestelle für den Ersatzbus, den wir schon nach wenigen Kilometern wieder verlassen, ohne einen Hinweis zu erhalten, wo es weitergeht. Wir folgen einfach dem Strom der anderen Fahrgäste und steigen schon bald in die Straßenbahnlinie 15. Wir steigen nicht aus am Augustusplatz, sondern fahren weiter bis zum Goerdelerring, weil wir noch einen Ausflug zu dem berühmten Leipziger Zoo unternehmen oder wenigstens den Park besuchen möchten, der ein „Fenster zum Zoo“ bietet.

Der Zooeintritt ist uns zu teuer. Es soll 20 Euro pro Person kosten. Also marschieren wir in den Park. Wir sind inzwischen schon lange in der Eiseskälte unterwegs und spüren unseren Rücken. Für mich ist die Matratze im Hotel zu weich. Ich fürchte, kurz vor einem Hexenschuss zu stehen. Der Park bietet wieder herrliche Fotomotive. Leider geht mein Akkustand zur Neige und ich muss zu meinem Bedauern feststellen, dass ich die Powerbank im Hotel liegen gelassen habe. Bei der Suche danach in meinem Rucksack verliere ich auch noch unbemerkt einen meiner Handschuhe. Wenig später bricht ein Bügel von meiner Brille ab. Was für eine Serie von Missgeschicken! Ich lasse mir davon allerdings nicht die gute Laune verderben. Die Sonne glitzert auf dem kleinen See im Park und auch die Glasfenster zum Zoo zeigen spannende Fotomotive. Johannes überlässt mir zum Glück ohne Protest sein Handy zum Fotografieren.

Wir verlassen den Park und spazieren wieder zum Goerdelerring. Vor hier wollen wir über den Markt und die Grimmaische Straße wieder zum Hotel zurückkehren. Der Weg führt uns zunächst über den Richard-Wagner-Platz, auf dem zu unserer Überraschung heute ein lebendiges Markttreiben herrscht. Wir erinnern uns, dass Jenny, die in Leipzig lebende Schwägerin meines Patenkindes Britta, uns diesen „kleinen Markt“ angepriesen hatte. Wir haben eigentlich unseren ganzen Leipzigaufenthalt nach den Empfehlungen von Jenny gestaltet, die uns mit ihren ausführlichen Beschreibungen besonderer Sehenswürdigkeiten schon im Vorfeld der Reise große Vorfreude bereitet hat. Nur diesen kleinen Markt konnten wir bisher noch nicht richtig lokalisieren. Umso mehr freuen wir uns, jetzt hier zu sein. An einem der Stände hat sich eine lange Schlange gebildet. Dort muss es doch etwas Besonderes geben. Fischbrötchen! Wir stellen uns an. Gleich schließt sich hinter uns eine Dame an. Sie teilt uns mit, wie glücklich sie sei, endlich diesen Stand gefunden zu haben. Sie habe heute schon auf dem Augustusplatz danach gesucht. Wir haben wiederholt das Gefühl, dass die Leipziger in ihrer Offenheit gegenüber Fremden und ihrer Mitteilsamkeit den Kölnern nicht unähnlich sind.

Der Fisch- und Fischbrötchenverkäufer ist ein echter Typ, voller Sprüche und Maßregelungen für seine Kunden und Kundinnen. Er erinnert uns an die Kölschen Köbesse. Wir bestellen zwei Backfischbrötchen, für mich eins mit Remoulade, für Johannes eins ohne Remoulade. Die verspeisen wir dann genüsslich auf einer sonnenbeschienen runden Bank um einen Baum mitten auf dem Markplatz.
Zurück im Hotel wartet das Bett auf uns. Wir sind ziemlich erschöpft und schlafen lange. Danach müssen wir uns schon beeilen, um zu unserem Event im Bachmuseum zu gelangen. Es beginnt um 16:00 Uhr. „J.S. Bach, Live in Concert“. Johannes ist absolut schwer zu mobilisieren, aber ich schaffe es. Wir kommen pünktlich an im Museum. Aber zu unserer riesigen Enttäuschung erfahren wir dort, dass das Event gar nicht heute, sondern erst in einer Woche stattfindet. Was für ein Versehen! Eigentlich ein doppeltes Versehen. Als mich vor einer Woche meine Tochter Eva auf das sensationelle Auftauchen zweier bislang unbekannter Orgelwerke des jungen Johann Sebastian Bach aufmerksam machte und darauf, dass diese in der Thomaskirche uraufgeführt würden, hat mich die Tatsache, dass wir ausgerechnet in einem solchen historischen Augenblick unsere Leipzigreise machen, so begeistert und in Erregung versetzt, dass ich überstürzt die Tickets erworben habe. Ich nahm an, wir würden in der Thomaskirche diese unbekannten Orgelwerke zu hören bekommen. Ich irrte mich doppelt und dreifach. Nicht einmal das Datum war korrekt. Wenigstens gewährte man uns mit dem falschen Ticket den kostenlosen Eintritt in das Bachmuseum.

Das Museum überrascht uns von Anfang an mit unvergleichlichen Erlebnissen. Gleich im ersten Raum werden wir von einem Klangrondell empfangen, bei dem es über Kopfhörer zahlreiche moderne Adaptionen Bachscher Musik und der Originalmusik zu hören gibt. Besonders angetan bin ich von dem Song „Whenever I Say Your Name“ von Sting und Mary J. Blige, das auf ein Bach Präludium zurückgreift. Aber auch Lady Gaga, die Beatles, die Beach Boys und Paul Simon haben sich von Bachs Musik inspirieren lassen. Wir sind so berauscht von dem Klangerlebnis dieser wundervollen Musik, dass wir von dem Rondell gar nicht mehr wieder aufstehen. Dabei warten in den oberen Stockwerken des Museums zahllose weitere großartige Musikerlebnisse auf uns, von denen wir uns anschließend ebenfalls bezaubern lassen. Als wir das Museum verlassen, sind wir sicher, dass wir es nicht bedauern müssen, statt des Bach-live-events, das sicherlich auch interessant gewesen wäre, das Museum besucht zu haben.

Für den Abend haben wir in Auerbachs Keller einen Tisch reserviert, der berühmten Gaststätte, in der Goethe eine Szene seines Faust I stattfinden lässt. Es handelt sich um einen weiträumigen Gewölbekeller, in dem vor allem gutbürgerliche, sächsische Küche serviert wird. Obwohl wir einen schönen Tisch zugewiesen bekommen, gefällt es uns hier nicht so gut wie gestern im „Weinstock“. Es ist ziemlich laut hier und die Portionen sind zu riesig.
Demnächst folgt Tag 3 und Tag 4 der Reise.